Wissenschaftlerin: ″Der Antisemitismus in Deutschland hat klar zugenommen″ | Deutschland | DW

 In U.S.
DW: Frau Professor Monika Schwarz-Friesel, Donald Trumps Jerusalem-Entscheidung hat weltweit für Proteste gesorgt. Auch in Berlin haben wir Bilder gesehen, auf denen Menschen die israelische Flagge im Herzen Berlins vor dem Brandenburger Tor verbrennen. Sie forschen seit 14 Jahren an der Technischen Universität Berlin zum Thema Antisemitismus. Sie haben rund 20.000 Emails an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft, sowie 250.000 Texte aus dem Internet, hauptsächlich aus den Sozialen Medien, analysiert. Zu welchem Ergebnis kommen Sie? Wie weit verbreitet ist der Antisemitismus in Deutschland noch?

Schwarz-Friesel: Die Studie läuft noch, vor allem die zum Internet, aber was wir auf jeden Fall nach 14 Jahren intensiver Analysen sagen können, ist, dass Antisemitismus klar quantitativ zugenommen hat.

Monika Schwarz-Friesel, Antisemitismusforscherin (Monika Schwarz-Friesel) Professorin Monika Schwarz-Friesel forscht seit 14 Jahren zum Thema Antisemitismus

Wir haben im Jahr 2002 beispielsweise Leserbriefe und Kommentare in Printmedien untersucht und haben das dann 10 Jahre später nochmal in Stichproben analysiert. Während 2002 um die neun Prozent verbale Antisemtismen in diesen ja immerhin auch veröffentlichten Kommentaren und Leserbriefen zu konstatieren waren, sehen wir jetzt um die 30 Prozent. Also es hat sich mehr als verdreifacht.

Wir sehen aber auch qualitativ ganz klar eine Tendenz der Aggresivitätsintensivierung. Zum Beispiel haben in den letzten Jahren die NS-Vergleiche sowohl in Bezug auf Juden als auch vor allem im Bezug auf den jüdischen Staat zugenommen.

Können Sie uns ein paar Zitate oder Beispiele nennen, die Sie besonders auffällig fanden oder die Sie am meisten schockiert haben, damit wir wissen, von was wir genau reden?

Also schockierend sind diese Beispiele alle, egal ob sie subtil oder vulgär sind. Vulgäre Beispiele kommen vor allem aus der rechtsradikalen Ecke, wo die Leute die alten Erlösungsfantasien der NS-Zeit aufleben lassen und schreiben: “Wir hoffen, dass die Gaskammern sich für den jüdischen Staat schnell öffnen”.

Wir haben aber auch aus dem linken, gebildeten, liberalen Bereich solche Erlösungsfantasien in Bezug auf den jüdischen Staat. Das geschieht durchaus auch von Intellektuellen, Professoren und Pfarrern, die beispielsweise schreiben: “Der jüdische Staat sollte friedlich aufgelöst werden im Interesse der ganzen Menschheit”. Das ist eins zu eins die alte Erlösungsfantasie: Ohne Juden ist die Welt eigentlich eine bessere. Nur, dass es jetzt eben substituiert ist und bezogen auf Israel.

Berlin Demonstration am Al-Kuds-Tag Israel Boykott (picture-alliance/dpa/M. C. Hurek) Palästinensische Demonstranten rufen am Al-Kuds-Tag in Berlin zum Boykott gegen Israel auf

Viele der Menschen, die so etwas schreiben, tun das nicht anonym, sondern geben oft ihren vollen Namen an. Kann man daraus schließen, dass uralte Stereotypen jetzt wieder salonfähig werden?

Hier muss man ein bisschen aufräumen. Wir leben in dieser Post-Holocaust-Gesellschaft mit ziemlich schiefen Konzeptualisierungen in Bezug auf Antisemitismus. Und es wird einfach Zeit, dass man sich unbequemen Wahrheiten stellt.

Wir haben eigentlich nie eine Antisemitismus-freie Bundesrepublik gehabt. Erstens hat die Aufklärung viel zu spät angefangen – 20 Jahre nach der NS-Zeit. Also erst in den 60er Jahren durch die Ausschwitzprozesse.

Und zweitens hat man mit dem Paragraphen der Volksverhetzung natürlich nicht den Antisemitismus aus den Köpfen, und schon gar nicht aus dem kollektiven, kulturellen Gedächtnis bekommen. Insofern muss man sagen, dass der klassische Antisemitismus immer einen Nährboden hatte, aber dass er nochmal so dermaßen aufflammen würde in den letzten 15 Jahren, dass so dermaßen klassischer Antisemitismus wieder zum Vorschein kommt, damit habe nicht mal ich als Antisemitismusforscherin gerechnet. 

Italien Fußball Lazio Rom Fans mit Spruchband (picture-alliance/AP Photo/P. Lepri) Lazio Rom Fußballfans 1998 mit dem Spruchband: “Ausschwitz ist euer Heimatland. Die Öfen sind euer Zuhause”

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